«Es tönte am Anfang alles sehr plausibel»
Es begann vor acht Jahren mit Enkelbetrugsfällen und hat unzählige weitere Formen angenommen: Kantonspolizist Marco Dössegger gibt am 9. April in Wettingen Einblick in aktuelle Betrugsmaschen.

Der Aargauer Kantonspolizist Marco Dössegger wurde kürzlich selbst von einer ihm unbekannten Nummer aus England angerufen. Um herauszufinden, um welche Betrugsmasche es sich handelte, nahm er ab. Per Sprechband wurde er informiert, dass es Komplikationen mit seiner Identitätskarte gebe und er für weitere Informationen Taste eins drücken solle. Officer David meldete sich, gab an, im Dienstgrad der Swiss Police zu arbeiten und bot Dössegger an, alles zu regeln, wenn er online eine Kaution überweise. Dössegger war von Anfang an klar, dass es sich beim Anrufer um eine Betrugsmasche handelte: «Swiss Police in der Schweiz? Diese Namensbezeichnung gibt es in der Schweiz gar nicht. Geld oder Schmuck von der Polizei einverlangt? Völlig abwegig, völlig absurd und absolut deplatziert.»
Vor etwas mehr als acht Jahren wurden im Aargau die ersten Enkelbetrugsfälle gemeldet, seither steht Dössegger im Dienst der Kriminalprävention der Kantonspolizei Aargau. Damals gaben sich die Anrufer als Enkel aus, die in Not geraten waren und dringend Geld brauchen. Auch wenn solche Fälle heute nur noch selten vorkommen – losgeworden ist man diese sogenannten «Schockanrufe» nicht. Betrüger geben sich mittlerweile als falsche Polizisten aus, die beispielsweise vor einer Einbruchserie warnen und empfehlen, Bargeld und Schmuck dem Polizisten abzugeben, der demnächst vorbeikomme. Oder als Bankangestellte, die eine Unregelmässigkeit auf dem Konto festgestellt haben und dem Opfer empfehlen, Bankkarte und Pin auszutauschen. Um die Sache schnell zu regeln, wird die Bankkarte auch gleich abgeholt.
59 Fälle von den Liebesbetrügen «Romance Scams»
Als «Social Engineers» werden die Personen bezeichnet, die ihre Opfer auf zwischenmenschlicher Ebene beeinflussen, um ein bestimmtes Verhalten hervorzurufen. Dössegger hat mit unzähligen Betrugsopfern gesprochen. Die Vorgehensweise ähnelt sich: Zuerst wird eine Beziehung hergestellt, dann eine Notsituation vorgetäuscht und dann um Geld gebeten. «Der Verstand warnt uns zwar, doch gerade beim Liebesbetrug wollen die Opfer die Realität nicht sehen», sagt der 52-Jährige.
So ist es auch einem 50-Jährigen passiert, der bei der Aargauer Kantonspolizei Anzeige erstattete. Zuvor hatte er seiner angeblichen Geliebten, die er auf einer Online-Plattform kennen gelernt hatte, 650000 Franken überwiesen. «Obwohl er sie nie getroffen hatte, weil sie Treffen jeweils kurzfristig absagte. Nach einem angeblichen Raubüberfall und weiteren Notfällen bat sie ihn immer wieder um Geld. Als er nicht mehr zahlte, brach der Kontakt ab.» 59 Fälle dieser sogenannten «Romance Scams» wurden vergangenes Jahr bei der Kantonspolizei Aargau gemeldet. Im Durchschnitt sind pro Fall 50000 Franken ins Ausland bezahlt worden, gesamthaft ist ein Schaden von 2,8 Mio Franken entstanden.
207 Fälle von Anlagebetrügen
Noch höher sind die Zahlen bei Anlagebetrügen: Letztes Jahr wurden im Kanton Aargau 207 Fälle im Gesamtbetrag von knapp 23 Mio. Franken gemeldet. Auch eine Wettingerin (Name der Red. bekannt) ist auf eine solche Betrugsmasche hereingefallen. Sie hat auf einer Online-Plattform, wo hohe Renditen prophezeit wurden, ein Konto eröffnet. «Man konnte das Geld in Rohstoffe und Kryptowährungen anlegen und wurde telefonisch beraten und angeleitet», sagt sie und fügt an: «Es tönte am Anfang alles sehr plausibel. Ich investierte kleinere Beträge, die sich in den ersten zwei Monaten auch rasch vervielfachten.» Doch dann war das investierte Geld auf einmal nicht mehr viel wert. «Um nicht die ganzen Investitionen zu verlieren, wurde ich regelrecht bedrängt, noch mehr zu investieren.» Weil sie ihr Geld nicht verlieren wollte, tat sie das und zahlte weiteres Geld auf ihr Konto ein. Als dann ein Kreditbetrag auf ihrem Konto erschien und die Berater immer wieder bei ihr anriefen, um sie anzuweisen, die Schulden zu begleichen, nahm sie die Anrufe nicht mehr entgegen. Sie stoppte auch die Zahlungen. Sie überwand ihre Scham und erstattete Anzeige. Gesamthaft hatte sie 15000 Franken investiert. «Mit dem Geld hätte ich schöne Ferien machen können.»
Dössegger geht davon aus, dass sie das Geld nicht mehr zurückbekommt. «Gerade bei Zahlungen ins Ausland ist das unwahrscheinlich.» Am 9. April gibt der Präventionsfachmann vertiefte Einblicke in Betrugsmaschen und gibt Tipps, wie man sich schützen kann. So wie der Frau, die ihm nicht glaubte, dass er ein «echter» Polizist sei, als er sie anrief: «Ich riet ihr, unter 117 anzurufen und mich zu verlangen. Das tat sie dann aber nicht.»
Referat Marco Dössegger am 9. April, 19 Uhr, Pfarreiheim St. Sebastian, 5 Franken, Anmeldung bis am 7. April bei Arlette Bosshard, 079 715 57 63 oder per Mail an fg.sebastianwettingen@gmx.ch. Organisator ist die Frauengemeinschaft St. Sebastian, jedermann istwillkommen.