«Jede Ebene hat Spannendes»
Lilian Studer will als Gemeinderat und Frau Vizeammann kandidieren. Warum sie nach ihrer Politkarriere auf Kantons- und Bundesebene ins Lokale wechseln will, sagt sie im Interview.

Lilian Studer (47) weilt gerade mit ihren Verwandten aus Norwegen und der Schweiz in Flims-Laax im Skiurlaub. Trotzdem nahm sie sich am Montag Zeit, die Beweggründe ihrer Kandidatur zu erklären. Die Schweiz-Norwegen-Doppelbürgerin war mehr als 10 Jahre als Lehrerin für Textiles Werken tätig, hat ein Studium NPO-Management absolviert und war danach unter anderem Geschäftsleiterin des Blauen Kreuzes Aargau/Luzern. Seit vier Jahren ist sie Präsidentin der EVP Schweiz. Von 2019 bis 2023 war sie Nationalrätin und Mitglied der Kommission Wissenschaft, Bildung, Kultur und der Geschäftsprüfungskommission. Zuvor amtete sie mehr als 17 Jahre als Grossrätin.
Ihre politische Karriere gleiche je länger, je mehr der Ihres Vaters, schrieb das «Badener Tagblatt» nach Bekanntgabe ihrer Gemeinderatskandidatur. Nervt es Sie, mit Ihrem Vater verglichen zu werden, oder ist Ihr Vater Ihr politisches Vorbild? Lilian Studer: Wir haben verschiedene politische Stationen, die ähnlich sind, deshalb habe ich ein Stück weit Verständnis für den Vergleich. Bei mir wird es einfach ständig erwähnt und bei anderen Personen in ähnlicher Konstellation nie. Mir ist wichtig, dass ich als eigenständige Person wahrgenommen werde.
Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Als lösungsorientierte Brückenbauerin. Ich bin eine umgängliche Person, die versucht, gemeinsam Lösungen zu finden.
Normalerweise beginnen politische Karrieren auf Gemeindeebenen, Sie hingegen wollen in den Gemeinderat, nachdem Sie bereits im Gross- und i Nationalrat waren ... Ja, das ist speziell. Lokalpolitik kam zuerst nicht in Frage, weil mein Vater im Gemeinderat war und ich nicht auf gleicher Ebene politisch tätig sein wollte. Und dann standen andere Sachen im Vordergrund. Doch jetzt ist ein guter Zeitpunkt dafür.
Nach vier Jahren im Nationalrat verpassten Sie 2023 die Wiederwahl. Ist Ihre nationale Politkarriere damit zu Ende oder schliessen Sie eine erneute Kandidatur bei den Erneuerungswahlen in zwei Jahren nicht aus? Ist die Lokalpolitik unter Umständen nur eine Zwischenstation? Eine Zwischenstation ist es nicht, wenn schon eine Ergänzung. Es ist gut möglich, dass ich nochmals als Nationalrätin kandidieren werde. Das entscheide ich in etwa anderthalb Jahren. Als Gemeinde- und Nationalrätin könnte ich Synergien nutzen.
Als Nationalrätin gäbe es aber nicht so viele Synergien wie als Grossrätin? Ja, der Grossrat wäre näher. Aber nach mehr als 17 Jahren Politik auf Kantonsebene kommt das Grossratsamt für mich nicht mehr in Frage.
Ist Ihnen die Lokalpolitik nicht zu eng? Jede Ebene hat Spannendes. Und Wettingen ist nicht klein, sondern bietet einiges an Gestaltungsmöglichkeiten und Fragestellungen.
Zum Beispiel? Das Thema Bildung ist enorm wichtig. Oder eine nachhaltige Infrastruktur zu schaffen ebenso wie eine Grundlage für ein gutes Zusammenleben in der Gesellschaft. Das wären meine drei Hauptpfeiler.
Welche Erfahrungen und Learnings aus der nationalen Politik möchten Sie auf kommunaler Ebene einbringen? Die ganze Zusammenarbeit über all die Jahre mit unterschiedlichen Leuten, das nimmt man mit. Nicht das Netzwerk, aber das Bewusstsein, wie wichtig es ist, mit Leuten im Gespräch zu sein, sich gemeinsam hinzusetzen und zusammen Lösungen zu finden.
Die Ablehnung des Budgets 2025 im Herbst kann auch als gewisses Misstrauen der Bevölkerung dem Gemeinderat gegenüber gewertet werden. Berechtigt oder nicht? Es ist schwierig, von aussen zu beurteilen, was der Gemeinderat hätte anders machen können. Um mir eine Meinung zu bilden, muss ich das Gremium erleben. Ich habe gehört, dass der Gemeinderat gut zusammenarbeitet und versucht hat, eine gute Lösung zu finden. Beim Budget hatte das Volk eine andere Meinung. Das Volk hat das letzte Wort, das ist auch gut so.
Wie würden Sie versuchen, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen? Mir ist es wichtig, mit den Leuten im Gespräch zu sein, mit dem Einwohnerrat und mit der Bevölkerung. So kann man auch begründen, wieso man etwas entschieden hat. Das ist für mich das A und O.
Nachdem Sandro Sozzi (Mitte) bekannt gab, dass er nicht mehr als Gemeinderat kandidieren wird, wäre das Ressort Schule wieder frei. Wäre das Ihr Wunschressort? Ich bin sehr offen, welches Ressort ich übernehmen könnte.
In Wettingen bilden die EVP und die Mitte im Einwohnerrat eine Fraktionsgemeinschaft. Inwiefern unterstützen Sie die Werte der Mitte-Partei? Auf nationaler Ebene haben wir ebenfalls eine gemeinsame Fraktion gebildet und ich schätzte dies sehr. Ich habe gehört, dass die Fraktionsgemeinschaft in Wettingen auch gut funktioniert. Für mich macht diese Zusammenarbeit Sinn. Wir sind immer noch eigenständige Parteien, können aber Synergien nutzen.
Sie kandieren auch fürs Vizeammannamt. Wieso nicht als Frau Ammann? Ich finde es gut, neben dem Gemeinderatsamt noch ein zusätzliches berufliches Standbein zu haben. Und da ich nicht ausschliesse, nochmals als Nationalrätin zu kandidieren, kommt diese Kandidatur für mich zurzeit nicht in Frage.
Das Ammannamt soll ja künftig kein 100-Prozent-Job mehr sein. Somit schliesst es ein zweites Standbein nicht aus. Aber es wird zurzeit mit 80 Prozent gerechnet. Im Moment kommt es für mich nicht in Frage. Das heisst aber nicht, dass es zukünftig nicht spannend sein könnte.
Sie sind in Wettingen aufgewachsen, waren beruflich aber viel unterwegs. Wieso haben Sie – mit Ausnahme von Auslandaufenthalten – Wettingen immer als Wohnort behalten? Wettingen ist ein schöner Wohnort und gut gelegen. Man ist schnell überall.
Gesamterneuerungswahlen Gemeinderat
Am 28. September wählen die Wettingerinnen und Wettinger die Exekutive für die Legislatur 2026–2029. Gemeindeammann Roland Kuster (Mitte), Vizeammann Markus Maibach (SP) und Gemeinderat Sandro Sozzi (Mitte) stellen sich nicht mehr zur Verfügung. Die Bisherigen Kirsten Ernst (SP), Martin Egloff und Markus Haas, beide FDP, kandidieren nochmals, Haas auch als Ammannkandidat. Philipp Rey (parteilos) hat sich noch nicht zu einer erneuten Kandidatur geäussert.
Neu in den Gemeinderat wollen neben Lilian Studer (EVP) auch Christian Wassmer (Mitte) und Adrian Knaup (SP). Wassmer amtet zurzeit als Einwohnerrat-Vizepräsident und gab seine Kandidatur bereits Ende 2024 bekannt. Knaup ist ebenfalls Einwohnerrat und kandidiert auch als Gemeindeammann. (bär)