Seine Träume sind aus Kupferdraht

Alain Schartner ist der einzige hauptberufliche Kugelbahnbauer der Schweiz. Bei einem Besuch in seinem Wettinger Atelier erzählt er von seiner Passion, von Planlosigkeit und einer Pleite zum 975-Jahr-Jubiläum der Gemeinde Wettingen.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Dieser drahtige Fisch widmete der Künstler seinem Werklehrer, der ihn zum Kugelbahnbauen brachte. sib

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Dieser drahtige Fisch widmete der Künstler seinem Werklehrer, der ihn zum Kugelbahnbauen brachte. sib

Alain Schartner hat über 2000 Kugelbahnen     geschaffen. Bald stellt er 40 davon in Oberrohrdorf aus. 
               Sibylle Egloff Francisco

Alain Schartner hat über 2000 Kugelbahnen geschaffen. Bald stellt er 40 davon in Oberrohrdorf aus. Sibylle Egloff Francisco

Murmeln bahnen sich den Weg durch das Dickicht aus Kupferdraht. Ziegenglocken bimmeln, farbige Lichter schimmern, Xylophon-Plättchen erklingen und Weichen bewegen sich, bis die Kugeln ganz unten angekommen sind. In Alain Schartners Atelier in Wettingen könnte man stundenlang verweilen und die rund 50 Kugelbahnen bestaunen, die er aufgestellt hat. Der 62-Jährige ist der einzige hauptberufliche Kugelbahnbauer der Schweiz und hat schon über 2000 solcher Konstruktionen erschaffen.

Weinflaschen, Speckstein, Glasfiguren, Muscheln, Holz, Industrieketten, Schriftzüge, Totenschädel oder ein ganzer Fisch: Die schier unendliche Palette an Elementen, Formen, Materialien und Grössen zeugen von Schartners Kreativität. «Ich arbeite ohne Plan», sagt er. Es sei spannender, intuitiv daraufloszubauen und zu sehen, was daraus entstehe, findet der Künstler, der sich auf Kugelbahnen aus Kupferdraht spezialisiert hat. Diese lötet er nach Belieben zusammen. Grosse Konstruktionen schweisst er aus Stahl.

«Kunden geben mir manchmal ein Thema vor. Doch was schlussendlich daraus wird, ist mir überlassen. Ich baue nur, was mir Freude macht», sagt Schartner. Was ihn reizt, ist der Bau der Bahnen. «Es hat etwas Meditatives.» Schön sei auch, dass nicht immer alles perfekt sein müsse. «Meine Kugelbahnen sind nicht so konzipiert, dass sie fehlerfrei funktionieren. Das würde ihnen ihren Charakter nehmen.» Es falle manchmal auch eine Kugel aus der Bahn, das sei halt so wie im wahren Leben. «Irgendwann steht man irgendwo an und muss einen neuen Weg finden.»

 

Seine Leidenschaft wurdeim Werkunterricht entfacht

Seine Leidenschaft entdeckte er während der Schulzeit als 15-Jähriger. «Ich hatte einen tollen Lehrer, der uns im Werkunterricht den Auftrag gab, eine Kugelbahn herzustellen», erinnert sich Schartner. Mit einem Elektrotechniker als Vater habe er bereits Lötversuche unternommen. Er entschied sich deshalb, diese Technik anzuwenden. «Nach der ersten Bahn wusste ich, das ist meins.»

Das Kugelbahnbauen wurde zu einem intensiven Hobby. Doch Schartner hatte auch andere Aufgaben. Er wurde früh Vater und arbeitete 27 Jahre lang für eine Sonnen- und Wetterschutzfirma. «Als mein Vater 2009 starb und mir etwas Geld vererbte, packte ich die Gelegenheit, um mich selbstständig zu machen», erzählt der Wettinger. «Seit 16 Jahren lebe ich nun meinen Traum.»

Schartners Kunst steht in Wartezimmern von Kinderarztpraxen, in Schaufenstern von Optikern, Alterszentren, aber auch in Museen. Über 15 Jahre lang war eine seiner Bahnen Teil des Spielplatzes im Graben in Baden.

 

Sein grösstes Werk steht im Innenhof des Spitals Limmattal

Die grösste Konstruktion mit neun Metern Höhe, sechs Metern Breite und zehn Metern Länge befindet sich im Innenhof des Spitals Limmattal in Urdorf. Die Bahn, an der Schartner zweieinhalb Monate arbeitete, ist so riesig, dass keine Murmeln, sondern Basketbälle rollen. Schartner baut aber auch ganz kleine Versionen, die sich vor allem für Kinder eignen. «Sie kosten 50 bis 80 Franken. Die Kunstszene ist so abgehoben. Mir ist es wichtig, dass sich alle meine Bahnen leisten können.»

Doch der Künstler entwirft nicht nur Bahnen, sondern gibt sein Wissen auch in Kursen, Weiterbildungen, Projektwochen und an Kindergeburtstagen weiter. «Ich merkte schnell, dass ich vom Verkauf der Bahnen allein nicht leben kann», sagt Schartner. Seine Schülerinnen und Schüler sind so divers wie seine Werke. Die Altersspanne reicht von 7 bis etwa 75. «Es ist schön, dass ich nicht nur einfach so vor mich hinlöte, sondern dass ich meine Leidenschaft auch auf andere übertragen kann.» Das gelingt ihm immer wieder. Einer seiner Schützlinge hat kürzlich eine Kugelbahn für das Teddybärmuseum in Baden geschaffen. Ein anderer ist in die USA ausgewandert und versucht dort sein Glück als Kugelbahnbauer.

Schartner bringt seine Kunst auch Patientinnen und Patienten im Kinderspital, in der psychiatrischen Klink Zürich oder im Wohnheim Zeka für Körperbehinderte in Dättwil und Aarau näher. «Es tut ihnen gut, wenn sie sehen, wie kreativ sie sein können.»

Seine Kunst auf sich wirken lassen können Interessierte ab dem 21. Februar in der Zähnteschüür in Oberrohrdorf. Schartner stellt rund 40 Kugelbahnen aus. Am Ende der Ausstellung am 16. März kann die Kugelbahn, die er zum 975-Jahr-Jubiläum der Gemeinde Wettingen fertigte, ersteigert werden.

Ins Rollen brachte das Projekt Gemeindeammann Roland Kuster. «Er beauftragte mich mit dem Bau einer speziellen Bahn für Wettingen, welche durch das Jubiläumsjahr 2020 hätte führen sollen», erzählt Schartner. Er habe genug früh damit gestartet, damit das Werk am Neujahrsapéro zum ersten Mal ausgestellt werden könne. «Doch dann wurde das Budget der Gemeinde abgelehnt und kein Geld dafür gesprochen.» Er beschloss, das Projekt auf eigene Faust zu beenden und Sponsoren zu suchen. Zwei Drittel des Preises habe er zusammenbekommen. Der Rest soll nun folgen. Das Mindestangebot für die Versteigerung liegt bei 5000 Franken.

Schartner hofft, dass nicht nur dieses, sondern auch andere seiner Werke den Besitzer wechseln. «Jede Bahn, die ich verkaufe, gibt mir Platz für eine neue», sagt der Künstler und fügt mit einem Schmunzeln an: «Ich habe nämlich noch sehr viele Ideen.»

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